Adipositas verändert das Gehirn: Wie Übergewicht das Essverhalten und die Motivation sabotiert
Sie beeinflusst auch das Gehirn, indem sie die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper stört. Dadurch können Signale fehlerhaft gesendet und falsch interpretiert werden. Dies führt unter anderem zu einem veränderten Sättigungsgefühl sowie einer beeinträchtigten Ausschüttung von Dopamin - das Belohnungsempfinden wird folglich reduziert. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) informiert über diese komplexe Wechselwirkung zwischen Körper und Gehirn und erläutert, wie GLP-1-Analoga als vielversprechende Therapieoption helfen können.
Adipositas ist in Deutschland eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen. Sie entsteht häufig durch eine positive Energiebilanz – das bedeutet, dass dem Körper mehr Energie über die Nahrung zugeführt wird, als durch Bewegung und andere Aktivitäten verbraucht wird. Neben körperlichen Einschränkungen kann Adipositas zahlreiche Folgeerkrankungen begünstigen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten. Eine bislang oft unterschätzte, aber wesentliche Rolle spielt dabei die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper.
Gewichtszunahme und Stoffwechselveränderungen führen zu Störungen
„Bei Adipositas kommt es, ausgelöst meist durch Überernährung, zu einer Gewichtszunahme und zu Stoffwechselveränderungen wie einer Insulinresistenz. In der Folge kann das Gehirn Signale, die der Körper aussendet, oft nicht mehr richtig interpretieren: Betroffene essen dann beispielsweise zu viel, obwohl der Körper bereits genug Energie hat, da das Gehirn weiterhin ein Hungersignal sendet.“, erklärt Dr. Ruth Hanßen, Fachärztin für Innere Medizin und Endokrinologie an der Uniklinik Köln und Leiterin der Arbeitsgruppe Translationale Stoffwechselforschung.
Auswirkungen auf Verhalten und Belohnungssystem
Die gestörte Kommunikation zwischen Gehirn und Körper hat auch Auswirkungen über das Essverhalten hinaus: „Bei Menschen mit Adipositas ist das Belohnungssystem des Gehirns, vor allem die dopaminergen mesolimbischen Bahnen, verändert. Das äußert sich darin, dass Betroffene ihre Bereitschaft, sich für eine Belohnung anzustrengend, weniger gut an ihre aktuellen Bedürfnisse anpassen können. Dies hängt auch mit der Art der Lebensmittel zusammen, die konsumiert werden: Wenn Menschen überwiegend hochkalorische, fett- und zuckerreiche Lebensmittel zu sich nehmen, kann dies zu Antriebslosigkeit und Leistungsabfall führen“, so Hanßen.
Auch kognitive und emotionale Prozesse, wie die Entscheidungsfindung, können durch die gestörte Kommunikation zwischen Gehirn und Körper sowie die veränderte Motivation beeinträchtigt werden. Betroffene haben oft Schwierigkeiten, neue Assoziationen zu erlernen, die nicht mit Essen in Verbindung stehen.
Therapieoptionen: GLP-1-Analoga als Hoffnungsträger
Vielversprechende neue Therapieansätze setzen genau an der gestörten Kommunikation zwischen Körper und Gehirn an. Die blutzuckersenkenden GLP-1-Agonisten sowie deren Weiterentwicklungen zu dualen und Triple-Agonisten, eine Klasse von Medikamenten, die ursprünglich zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt wurden, können auch bei Adipositas eine entscheidende Rolle spielen.
„Diese Analoga wirken sowohl peripher, also am Ort des Geschehens im Körper, als auch zentral im Gehirn und tragen dazu bei, das Essverhalten zu regulieren und die Motivation zu steuern“, so Hanßen. „Sie fördern ein besseres Sättigungsgefühl und helfen Betroffenen, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Allerdings bringen diese Medikamente auch Fragen hinsichtlich ihres Einsatzes mit sich: Wann und wie lange soll ein präventiver Einsatz erfolgen? Wie sieht die erfolgreiche Langzeittherapie von Adipositas aus? Und welche politischen Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden?“
DGE betont ganzheitliche Therapie von Adipositas
„Durch die Forschung an neuen Medikamenten und die Verbesserung der Therapien können Menschen mit Adipositas in Zukunft effektiver unterstützt werden. Es ist wichtig, auch die gestörte Kommunikation zwischen Körper und Gehirn immer einzubeziehen, damit eine ganzheitliche, individuelle Therapie erfolgen kann“, betont Professor Dr. med. Jens C. Brüning, Kongresspräsident 2025 und Direktor der Poliklinik für Endokrinologie, Diabetologie und Präventivmedizin an der Uniklinik Köln, abschließend.