Das Kreuz mit dem Kreuz

von
Mag. pharm. Verena Kimla
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Aktualisiert am 26.03.2025

Im Jahr 2019 litten 26 % der Österreicher:innen innerhalb der letzten zwölf Monate unter chronischen Kreuzschmerzen oder einem anderen chronischen Rückenleiden. Rückenschmerzen liegen damit auf Platz 1 der bei der Gesundheitsbefragung ermittelten chronischen Erkrankungen. 

Kreuzschmerzen stellen eines der am weitesten verbreiteten Leiden in zivilisierten Ländern dar: Bei den unter 60-Jährigen klagte jede/r Fünfte über Rückenschmerzen, bei der Gruppe 60+ mehr als jede/r Dritte. Von den über 75-Jährigen berichtete beinahe jede zweite Frau, aber nur jeder dritte Mann von Rückenschmerzen. Unter dem Begriff „Rückenschmerzen“ werden umgangssprachlich meist Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule verstanden. Die Schmerzen können dabei bis ins Bein ausstrahlen.

Kognitive Funktionstherapie

Die kognitive Funktionstherapie (CFT) ist ein Patient:innen-zentrierter Behandlungsansatz, der individuelle Überzeugungen und Ängste bezüglich (Rücken-)Schmerzen und die daraus resultierenden Verhaltensweisen in Bezug auf Bewegungen und Lebensgewohnheiten in den Vordergrund stellt.

CFT kann durch den Einsatz von Biofeedback von Bewegungssensoren ergänzt werden, um auf ungesunde Bewegungen aufmerksam zu machen. Eine aktuelle Studie mit 492 Erwachsenen, die unter chronischen Kreuzschmerzen litten, zeigt: Die Intervention mit CFT verbesserte die schmerzbedingte Aktivitätseinschränkung nach 13-wöchiger Therapie stärker als die Standardbehandlung. Der Effekt hielt bis zur Nachunter-suchung nach einem Jahr an.

Nichts Genaues weiß man nicht

Etwa 85 % aller Rückenschmerzen gelten als unspezifisch: Ihre Ursache ist unklar, es liegen also keine krankhaften Veränderungen oder anatomischen Fehlstellungen vor. Sie können grundsätzlich von selbst ausheilen. Eine Analyse aus elf Studien ergab eine spontane Genesung für ein Drittel der Patient:innen mit akuten unspezifischen Kreuzschmerzen innerhalb der ersten drei Monate. Rund zwei Drittel der Betroffenen berichtete jedoch noch ein Jahr nach Schmerzbeginn über Beschwerden. Treten die Rückenschmerzen allerdings aufgrund einer konkreten Ursache (Wirbelbrüche/-gleiten, Bandscheibenvorfall, Tumoren, Entzündungen) auf, spricht man von spezifischen Rückenschmerzen.

Unspezifische Kreuzschmerzen können viele Ursachen haben. Körperliche und psychische (negativer Stress, Depressivität etc.) sowie soziale Faktoren (Probleme am Arbeitsplatz, Versorgungsstatus etc.) sind maßgeblich an Krankheitsentstehung und -fortdauer beteiligt. Sie begünstigen darüber hinaus eine Chronifizierung, also ein dauerhaftes Bestehen der Beschwerden. Weitere Faktoren, die zu chronischen Verläufen führen, sind körperliche Schwerarbeit, monotone Körperhaltung, Rauchen, Alkohol und schlechte Kondition. Starkes Übergewicht kann Rückenschmerzen nicht nur auslösen, sondern auch verstärken. Eine Gewichtsreduktion durch einen aktiven Lebensstil und eine ausgewogene Ernährung ist daher bei unspezifischen Rückenschmerzen besonders wichtig.

Da die Ursache unspezifischer Rückenschmerzen unklar ist, beschränkt sich die Behandlung auf Linderung der Symptome. Je nach Klassifizierung der Beschwerden in akute, subakute und chronische Formen bestehen verschiedene Empfehlungen. Akute Kreuzschmerzen liegen vor, wenn die Schmerzdauer 1 bis 4 Wochen beträgt, subakute bei 5 bis 12 Wochen, chronische Kreuzschmerzen bei > 12 Wochen oder bei episodischem Auftreten innerhalb von 6 Monaten.

Bewegung, Bewegung, Bewegung

Bettruhe kann den Verlauf nicht nur ungünstig beeinflussen, sondern auch zu anderen negativen Auswirkungen wie Muskelschwund, Thrombosen etc. führen. Darüber hinaus sind gerade bei chronischen Kreuzschmerzen harte Matratzen kontraproduktiv.

Wichtig ist daher unabhängig vom Verlauf der Erkrankung, dass Sie aktiv bleiben bzw. aktiv werden. Körperliche Bewegung verursacht keine Schäden, fördert die Linderung der Beschwerden und tut daher in jedem Stadium gut. Medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsansätze zielen daher darauf ab, die Beweglichkeit wiederherzustellen. Das Beibehalten der Aktivitäten des täglichen Lebens führt zu einer signifikanten Schmerzreduktion und Verbesserung der körperlichen Funktionsfähigkeit. Regelmäßiger sportlicher Betätigung kommt daher in Therapie und Vorbeugung große Bedeutung zu. Dabei gibt es nicht die eine Sportart, die am besten geeignet ist – erlaubt ist, was Ihnen Spaß macht und im besten Fall zur Routine wird.

Training und Wärme im Akutfall

In der Akutphase der Erkrankung sollten rasch schmerztherapeutische Maßnahmen erfolgen. Diese umfassen nicht-medikamentöse Therapie wie Bewegungstherapie, Manuelle Medizin und kombinierte Physikalische Therapieformen. Auch die Anwendung von Reizstrom wie z. B. die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) wird empfohlen. Bringt dies keine Linderung, können Akupunktur und Entspannungsverfahren wie PMR (progressive Muskelrelaxation) sowie medikamentöse Therapie angewendet werden.

Auch Wärmetherapie in Form von Wärmepackungen ist eine wirkungsvolle Maßnahme gegen akuten unspezifischen Rückenschmerz. Sie kann in ihrer Wirkung verstärkt werden, wenn sie in Kombination mit Bewegungstherapie und Training eingesetzt wird. Dies scheint in der Schmerzreduktion einerseits nach ein bis zwei Tagen besser zu wirken als eine Behandlung mit Schmerzmitteln und andererseits auch besser als eine alleinige Bewegungstherapie nach einer Woche.

Multimodale Therapie

Da durch einzelne Maßnahmen wie Spritzen und Schonung langfristig keine Heilung erreichbar ist, erfordert die Therapie multimodale Konzepte, also die Kombination unterschiedlicher Behandlungsansätze. Diese werden individuell an Bedürfnisse und Lebensumstände der Betroffenen angepasst und umfassen verschiedene körperliche und psychologisch übende sowie psychotherapeutische Verfahren. Multimodale Therapien werden u. a. als ambulante Intensivprogramme in Gesundheitszentren angeboten, zumeist in Form von Gruppentherapie. Darüber hinaus gibt es auch berufsbegleitende Kurse.

Viele Therapiemöglichkeiten

Bei chronischen unspezifischen Kreuzschmerzen sollte zusätzlich zu aktiver Bewegung Verhaltenstherapie im Rahmen von Bewegungsprogrammen oder anderen kombinierten Therapieansätzen angewandt werden. Bei anhaltenden Aktivitätseinschränkungen, durch die der Alltag erschwert wird, kann eine medizinische Trainingstherapie notwendig sein. Auch Bewegungstherapie, TENS-Therapie, Interferenzstromtherapie, Heilmassage, PMR, Akupunktur, Ergotherapie, Rückenschule und Manuelle Medizin werden empfohlen. Vorteil Physikalischer Therapien ist, dass sie bei richtiger Indikationsstellung und Durchführung zu vernachlässigbaren Nebenwirkungen führen.

Schmerzmittel mäßig wirksam

Die medikamentöse Therapie unspezifischer Kreuzschmerzen ist eine rein symptomatische Behandlung, die insgesamt – besonders für chronische Verläufe – mäßig wirksam ist. Sie unterstützt jedoch die nicht-medikamentösen Maßnahmen, damit die Betroffenen frühzeitig ihre üblichen Aktivitäten wiederaufnehmen können. In einer aktuellen Studie mit mehr als 15.000 Personen empfehlen die Studienautor:innen einen zurückhaltenden Einsatz von Schmerzmitteln wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR).

Muskelentspannende Medikamente werden maximal zwei Wochen lang angewendet, insgesamt raten Expert:innen jedoch aufgrund des ausgeprägten Nebenwirkungsprofils ab. Darüber hinaus kann bei akuten und chronischen Verläufen auf Pflaster mit dem Wirkstoff Capsaicin sowie auf Injektionen zurückgegriffen werden. Auch diese Maßnahmen sollten jedoch mit Bewegungstherapie kombiniert werden. 

Mag. pharm. Verena Kimla

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